Max und Moritz

„Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!!
Wie zum Beispiel hier von diesen, welche Max und Moritz hießen;
Die, anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren,
oftmals noch darüber lachten und sich heimlich lustig machten.
Ja, zur Übeltätigkeit, ja, dazu ist man bereit!“ (W. Busch)

Nun trägt es sich allerdings auch gelegentlich zu, dass sogar „ältere Kinder“ böse Sachen machen… Hier folgt ein Beispiel betrügerischen, üblen Tuns, das Gutfried, ein glühender Verehrer und begeisterter Sammler deutschen Literaturgutes in drucktechnisch erstellter Schriftform (also „Buch“) erfahren musste, weil er erstmals davon Abstand nahm, entsprechende, feilgebotene Waren durch persönliche, direkte Inaugenscheinnahme in seinem Antiquariatsgeschäft „um die Ecke“ vor dem Erwerb einer gründlichen Prüfung zu unterziehen:

Gutfried starrte mit spannungsgeladener Konzentration auf den bunten Bildschirm seines elektronischen Rechners. Ihn bannte das angezeigte Herunterzählen einer Zeitangabe auf einer Internetplattform eines bekannten „Auf Linie Kaufhauses“ (online-shop) mit der Bezeichnung „i-buy“ oder so ähnlich…

Noch 1:35 min… und er war immer noch Meistbietender einer der wenig existenten Originalausgaben von Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ aus dem Erscheinungsjahr 1984. „Keine Kopie“ – hatte die Anbieterin Mogeline Neppa ihm auf seine gesonderte Anfrage via elektronischem Verkehr mitgeteilt und damit Gutfrieds in Restform noch innewohnend gewesene Bedenklichkeiten zur gänzlichen Zerstreuung gebracht.

Noch 84 Sekunden… sollte er tatsächlich das erfüllende Glück genießen dürfen, dieses, von Wilhelm Busch persönlich kalligrafierte und illustrierte Werk sein späteres Eigen zu nennen, es jederzeit in den Händen haltend genießen, anschauen, mit der zarten Hand des liebenden, sorgsamen Verehrers über jeden Buchstaben und jede Illustration streicheln zu können?

Noch 13 Sekunden… sein Körper bebte vor Frohlockung, dennoch vorhandener, würgender Angst, dass ein weiterer, der Sammelleidenschaft frönender Bieter ihm sein „Schnäppchen“, für jenes er 1.299,- Euro als Höchstgebot eingetragen und per Mausklick bestätigt hatte, durch Abgabe eines höher gelegenen Preises zunichte machen könnte.

„Drei, zwei, eins!“ – und es ward Seins… Und für nur 1.200.- Euro!!!

Ein leiser Aufschrei – hörbarer Ausdruck vollendeter Glückserfüllung stieg Gutfrieds Kehle empor… Er ließ nun den, ihn über alles  beherrschenden Emotionen der Freude, des Frohlockens, des ungebannten Glücks einfach freien Lauf – ebenso seinen Tränen, die im aufgrund ebenjener Gemütsverfassung über die Wängelchen rannen… (Seufz, seufz…)

Sie ahnen schon, was dann geschah???

Die Enttäuschung, als wenige Tage später – nachdem Gutfrieds Bankguthaben bei seiner Kommerzialbank um die Kaufpreishöhe gemindert und im Gegenzuge das ebensolche von Mogeline Neppa mit selbigem Betrage angewachsen war – Gutfried nicht das ersehnte Original, sondern nur eine billige Kopie in den zittrigen Händen hielt, ist nur schwerlich wiederzugeben. Erneut rannen Tränen über seine Wangen, doch war für diesen Ausfluss emotional gesteuerter Reaktion nunmehr das Gefühl der Wut, ja, des unbändigen Zorns allein ursächlich…

Er sah sich nun selbst als Opfer eines üblen Streichs – und forderte alsbald wutschnaubend und sofortigst umgehend die Rückabwicklung des Vertrages. „Geld retour – Kopie zurück!“, das war sein fester Wille!

Aber – völlig wider Erwarten weigerte sich hierzu Mogeline Neppa, warf ihrerseits dem eigentlich getäuschten Gutfried unredliches Verhalten vor. Sie meinte doch felsenfest und mit haftendem Ernst, er hätte das ihm zugesandte Original gegen die Kopie selbst ausgetauscht und hätte damit sie selbst betrogen!

So der heutige Fall…

Was meinten denn nun die geachteten Träger der Schwarzroben dazu?

Sowohl ein Amtsgericht, als auch dann das Landgericht in zweiter Instanz sahen das so:

Mogeline Neppa hatte ein Original versprochen. Geliefert hatte sie freilich nur einen nachgemachten Buchdruck. Das stellte natürlich einen Sachmangel dar. Dass der Gutfried in betrügerischer Absicht die ihm geschickte Originalausgabe gegen eine Kopie ersetzt hätte, sei nicht ansatzweise nachgewiesen worden. Frau Neppa musste daher den Kaufpreis zurückzahlen und den billigen, kopierten Druck zurücknehmen.

Gott sei Dank! Nun war´s vorbei, mit der Übeltäterei!

Gutfried hat nun auch noch Strafanzeige wegen Betruges erstattet, gegen die böse Mogeline, die – wie Max und Moritz, diese beiden – zur Übeltätigkeit bereit war. Ihr droht nun ein Strafverfahren wegen Betruges (§ 263 Strafgesetzbuch) und am Ende noch eine saftige Geld- oder sogar Freiheitsstrafe – vielleicht auf Bewährung. Und dann laufen auch ihr vielleicht ein paar Tränchen die Wänglein herunter…

Gutfried hat nun auch die Nase voll vom online-shoppen. Er geht wieder in sein Antiquariat „um die Ecke“, denn da kann ihm so etwas nicht passieren.

Mein Tipp: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Auch dort sind leichtfertige Behauptungen zu vermeiden, insbesondere wenn man Geschäfte machen will. Wer beispielsweise über das Internetauktionshaus eBay Waren feilhält, sollte sich vor leeren Zusagen hüten. Mangelt es dem verkauften Objekt nämlich an einem versprochenen Attribut, ist nicht nur das zunächst schnell verdiente Geld ruck zuck wieder weg. Noch verhängnisvoller für den Warenanbieter ist eine strafrechtliche Überprüfung, die mit empfindlichen Geldstrafen enden kann. Da reicht auch schon der Versuch des Betruges…